Viele Menschen glauben, Selbst-Führung scheitere an mangelnder Disziplin, fehlender Klarheit oder zu wenig Zeit.
Das ist verständlich – und trotzdem selten wahr.
Das eigentliche Hindernis ist subtiler.
Und gerade deshalb so wirksam.
Es ist die Identifikation.
Das falsche Problem
Die meisten Menschen wollen sich führen.
Sie lesen Bücher, reflektieren sich, holen Feedback ein, arbeiten an sich.
Und doch erleben sie sich im Alltag:
• reaktiv statt souverän
• getriggert statt klar
• erschöpft statt präsent
Nicht, weil sie unfähig sind.
Sondern weil sie nicht aus Bewusstheit handeln, sondern aus Identifikation.
Was Identifikation wirklich ist
Identifikation bedeutet nicht, dass etwas „falsch“ ist.
Identifikation bedeutet: Ich halte etwas für mich, was in Wahrheit nur ein innerer Zustand, eine Rolle oder eine Geschichte ist.
Zum Beispiel:
• „Ich bin halt so.“
• „So ticke ich nun mal.“
• „In meiner Rolle kann ich nicht anders.“
• „Das triggert mich einfach.“
Solange diese Sätze unbemerkt wirken, gibt es keinen inneren Abstand. Und ohne Abstand gibt es keine Führung – nur Re-Aktion.
Warum Identifikation Selbst-Führung unmöglich macht
Selbst-Führung setzt voraus, dass es jemanden gibt, der führt.
Doch Identifikation erzeugt Verschmelzung:
- mit der Rolle
- mit der Emotion
- mit dem Selbstbild
Wer verschmolzen ist, kann nicht lenken. Er wird gelenkt.
Nicht von außen – sondern von innen.
Wer identifiziert ist, kann sich nicht führen. Er wird geführt. Punkt.
Typische Identifikationen im Führungsalltag
Gerade Führungskräfte sind hier besonders gefährdet:
• Identifikation mit Verantwortung („Ich muss alles tragen.“)
• Identifikation mit Leistung („Ohne mich läuft nichts.“)
• Identifikation mit Kompetenz („Ich darf mir keinen Fehler erlauben.“)
• Identifikation mit dem Bild, das andere haben sollen
Nach außen wirkt das engagiert.
Nach innen erzeugt es Druck, Verteidigung und innere Enge.
Nicht, weil Führung „zu viel“ ist – sondern weil Identität führt statt Bewusstheit.
Ein inneres Bild: das Haus der Identität
Stell Dir vor, es gibt in Dir ein inneres Haus.
Ein Haus voller Rollen, Prägungen, Erwartungen, Geschichten darüber, wer Du bist – und wer Du glaubst sein zu müssen.
Die meisten Menschen leben in diesem Haus, ohne zu bemerken, dass sie darin wohnen. Das ist ein total ver-rückter Zustand.
Sie verteidigen Räume, verwechseln Einrichtung mit Wahrheit und halten das Haus für sich selbst.
Solange das geschieht, ist Selbst-Führung nicht möglich.
Denn niemand führt ein Haus, in dem er eingeschlossen ist.
Der Wendepunkt: vom Bewohnen zum Beobachten
Selbst-Führung beginnt nicht mit Optimierung. Und auch nicht mit Kontrolle.
Sie beginnt mit einem einfachen, aber radikalen Schritt:
Abstand.
Nicht Abstand zu Menschen – sondern Abstand zu den eigenen inneren Bildern.
Du musst nichts loswerden.
Du musst nur aufhören, Dich damit zu verwechseln.
In dem Moment, in dem Du erkennst: „Das ist eine Rolle – aber nicht ich“
entsteht Führung ganz von selbst.
Abschluss
Selbst-Führung ist kein Technikproblem.
Sie ist ein Bewusstheitsproblem.
Solange Identifikation unbemerkt wirkt, führt Dich Dein Inneres wie ein Autopilot.
Dann jedoch, wenn Du beginnst zu unterscheiden, beginnt Führung.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Aber klar.
Vielleicht spürst Du, dass es in Dir Bereiche gibt,
die Dich führen – ohne dass Du sie bewusst gewählt hast.
In meiner Arbeit spreche ich in diesem Zusammenhang vom Haus der Identität: einem inneren Raum, in dem Rollen, Selbstbilder und alte Geschichten wohnen.
Nicht um sie loszuwerden – sondern um ihnen nicht mehr ausgeliefert zu sein.
Selbst-Führung beginnt dort,
wo Du nicht mehr alles für Dich hältst,
was in Dir auftaucht.



