Ich werde hin und wieder mal gefragt, ob es denn auch ein FREIsicht-Selbsthilfe-Tool gibt. Die ehrliche Antwort: Nein – zumindest nicht als ein Tool im klassischen Sinn:
Kein Optimierungs-Tipp.
Keine Methode.
Kein neues Denkmodell.
Es ist eher eine Notfall-Sicherung für den Alltag.
Ein Werkzeug, das verhindert, dass man aus einem innerlich „ver-rückten“ Zustand heraus führt, entscheidet, kommuniziert oder eskaliert.
Ein Beispiel aus dem echten Leben gefällig?
Praxisbeispiel: Martin (anonymisiert)
47 Jahre, Bereichsleiter. Montag, 16:30 Uhr.
Martin sitzt noch im Büro. Eigentlich wollte er um 16:00 Uhr gehen.
Das Team hat wieder mal nicht geliefert.
Im Postfach liegt zudem eine Mail vom Vorstand: Im Ton freundlich – aber eindeutig.
Martin’s Gedanken:
• „Warum muss immer alles an mir hängen bleiben?“
• „Wenn das so weitergeht, knallt das irgendwann.“
• „Ich hätte das anders regeln müssen.“
Körperlich:
• Kiefer angespannt
• flacher Atem
• leichte Hitze im Brustbereich
Martin merkt:
Er rutscht innerlich weg. Nicht spektakulär. Aber spürbar.
Und – er erinnert sich. Da hatte er doch im letzten FREIsicht-Coaching-Gespräch ein Arbeitsblatt bekommen.
Er nimmt das Arbeitsblatt aus der Schublade und liest: „Du verlierst Dich nicht, weil das Leben kompliziert ist. Du verlierst Dich, weil Du nicht da bist, wo Du glaubst zu sein. Dieses Blatt hilft Dir in 4 Schritten, Dich wieder einzusammeln, Dein Denken, Fühlen und Handeln wieder geradezurücken – ohne Drama, ohne Geschichten, ohne mentalen Gymnastikunterricht.“
Schritt 1 – Stopp. Sofort.
Martin greift nicht zum Handy. Er öffnet nicht die Mail.
Innerlich sagt er, zwar genervt, aber ehrlich: „Stopp. Wo bin ich gerade?“
Er weiß: Wenn er jetzt weiterdenkt oder antwortet, wird es unklar.
Schritt 2 – Finde deinen wahren Standort (nicht den „gewohnten“)
Auf dem Blatt stehen vier mögliche innere Orte.
Spontan will Martin ankreuzen: „Im Jetzt & HIER (Präsenz, Klarheit, Verbindung mit sich SELBST).“ Aber das wäre gelogen.
Er liest weiter: „Zukunft“ (kontrollieren, vorrechnen, hoffen, fürchten, sich wegplanen).
Treffer.
Er liest weiter: „Fremdfeld“ (funktionieren, Rollen bedienen, Erwartungen erfüllen, die nicht die eigenen sind).
Noch ein Treffer.
Er hält kurz inne. Dann schreibt er – widerwillig zwar, aber sauber: „Ich befinde mich im Fremdfeld und in der Zukunft.“
Keine Erklärung.
Kein Drama.
Nur Standort-Definition.
Punkt.
Allein das senkt den inneren Druck ein Stück.
Schritt 3 – Kehre zurück (oder hör auf, dich zu beschweren)
Er liest den Satz: „Wenn DU nicht HIER bist, kannst DU nicht klar entscheiden.“
Leise sagt er: „Ich komme zurück. Ich bin HIER.“
Nichts Magisches passiert. Aber etwas Wichtiges: Die innere Diskussion hört auf. Der innere Fokus ist plötzlich verschoben. Gut so.
Schritt 4 – Mini-Check-In: Der Reality-Reset
01. Was IST gerade?
Martin schreibt: „Es ist Montag. Ich sitze im Büro. Eine Mail liegt im Postfach. Mein Körper ist angespannt.“
Keine Bewertung. Kein Zusatz.
02. Was davon gehört nicht MIR?
Er schreibt: „Die Erwartung, alles abzufangen. Die Angst, schlecht dazustehen. Die Vorstellung, für alles verantwortlich zu sein.“
Beim Schreiben merkt er: Das ist nicht seine Wahrheit – sondern sein Automatismus, alte Muster.
03. Was kann ich JETZT wählen?
Nach kurzem Nachdenken schreibt er: „Ich beantworte die Mail heute nicht. Ich gehe jetzt nach Hause. Morgen kläre ich das im direkten Gespräch.“ Beim Punktsetzen: Klarheit. Nicht euphorisch – aber ruhig.
Schritt 5 – Die Essenz der 4 Schritte für den Alltag
Martin liest: „Stopp → Standort → BIN → Klarheit“ und denkt: „Krass. Ich habe nichts gelöst – und trotzdem ist es klar.“
Er steht auf. Schaltet den Rechner aus. Geht.
Die Nachwirkung
Am nächsten Morgen:
• kein schlechtes Gewissen
• keine Rechtfertigungs-Mail
• ruhiger Ton im Gespräch
Nicht, weil er „besser kommuniziert“. Sondern weil er wieder SELBST.BEWUSST.SEIN. erlebt hat.
Was hier tatsächlich passiert ist
Martin hat:
• nicht analysiert
• nicht reguliert
• nicht reflektiert
Er hat:
• seinen inneren Standort geklärt
• dem Fremd- und Zukunftsfeld die (automatisierte unbewusste) Führung entzogen
• aus Präsenz SELBST entschieden
👉 Das Blatt hat nichts verändert.
👉 Es hat ihn zurückgeführt.
Ein Satz, den ich so oder ähnlich schon hin und wieder in ähnlichem Kontext gehört habe:
„Ich dachte immer, ich brauche bessere Lösungen.
Eigentlich brauchte ich nur einen klaren Standort.“
Warum das kein Einzelfall ist – sondern Führungskultur
Das Beispiel von Martin ist kein Sonderfall. Es ist Alltag in vielen Unternehmen.
Führungskräfte treffen ihre Entscheidungen selten in Ruhe. Sondern in Zuständen von Druck, Erwartung, innerer Zerrissenheit.
Und genau hier entsteht Führungskultur.
Nicht im Leitbild.
Nicht im Workshop.
Nicht im Organigramm.
Sondern in den vielen kleinen Momenten, in denen eine Führungskraft innerlich anwesend ist – oder eben nicht.
Führungskultur entsteht vor dem Gespräch. Wirklich?
Bevor eine Führungskraft spricht, bevor sie entscheidet, bevor sie reagiert, wirkt bereits „Etwas“:
• der innere Standort
• der Umgang mit Druck
• die Bereitschaft, Verantwortung nicht weiterzureichen
Diese innere Haltung färbt jede Interaktion. Sie entscheidet darüber, ob Gespräche klären – oder nur verwalten.
Vom Einzelfall zum Muster
Was Martin erlebt hat, erleben viele:
• Reiz-Reaktion statt Wahl
• Funktionieren statt Präsenz
• Entscheidungen aus Erwartung statt aus Klarheit
Das sind keine Charakterfragen. Das sind kulturelle Muster, die sich über Jahre einschleichen. Und genau deshalb lässt sich Führungskultur
nicht „einführen“. Sie wird gelebt – entweder bewusst oder (üblicherweise) unbewusst.
Der Kern meines Vortrags „Führungskultur“ beim Wirtschaftsverband Emsland e.V.
In meinem Vortrag geht es deshalb nicht um Methoden. Sondern um den Punkt vor der Methode.
Um die Frage: Aus welchem inneren Zustand – aus welcher Haltung – heraus führe ich – vor allem dann, wenn es unbequem wird?
Denn dort entscheidet sich:
• ob Verantwortung übernommen oder delegiert wird
• ob Klarheit entsteht oder Konflikte weiter schwelen
• ob Führung Orientierung gibt oder nur Prozesse verwaltet
Führung beginnt früher, als die meisten denken
Führungskultur entsteht nicht in den großen Entscheidungen. Sondern in den kleinen, oft unsichtbaren Momenten:
• Öffne ich diese Mail jetzt – oder nicht?
• Spreche ich das an – oder schiebe es?
• Bleibe ich bei MIR – oder verliere ich mich in Rollen-Anforderungen, Ängsten, Mustern?
Diese Momente sind trainierbar.
Nicht durch mehr Wissen.
Sondern durch bewusste Selbstführung im Alltag – ganz einfach (nicht immer leicht, zugegebenermaßen) durch SELBST.BEWUSST.SEIN.
Genau darum geht es im Vortrag.



